Das Netzwerk

der unabhängigen Kunsträume im Leipziger Westen.

Lindenow – Das Festival

Mitmachen können alle Kunst- und Kulturräume, die sich nicht explizit dem Konsum-Aspekt von Kultur verschreiben. Vielmehr geht es um die Auseinandersetzung mit der jeweiligen Kunstform oder dem gesellschaftlichen Diskurs. Das Lindenow Festival ist an ein breites Rezeptionsfeld adressiert, es stellt Verbindungen zwischen den ProduzentInnen her und generiert gleichzeitig eine breite Öffentlichkeit. Gezeigt wird in aller Unterschiedlichkeit Einzigartiges.
Die einen präsentieren hauptsächlich die Kunst von Freunden, die anderen verfolgen gesellschaftskritische Fragestellungen und kuratieren dazu Ausstellungen mit ausgewählten internationalen KünstlerInnen, wieder andere beackern gemeinsam einen Garten.
Geschöpft wird aus einem sehr aktuellen, sehr zeitgenössischen Pool. Die gezeigten Arbeiten sind oft direkt für diese Präsentation und oft auch für den speziellen Ort entstanden. Die eingeladenen KünstlerInnen, ebenso wie die BetreiberInnen setzen sich neben der Präsentation von Werken mit dem vorhandenen Raum (space) aus. Der Bezug zum Ort geht über das Verhältnis zwischen Kunstwerk und Wand weit hinaus. Die Kollaborationen, das Viertel, die baulichen Bedingungen, die Nachbarn, die Stadt definieren den Handlungsspielraum.

Während des Festivals gibt es kein übergeordnetes Gremium, welches über die Qualität der Werke und Ausstellungen entscheidet. So kommt es zu den verschiedensten Begegnungen, die die BesucherInnen erleben können. Von Installation zu Performance, von interdisziplinären Formaten bis zur Bilderausstellung bis zum Audio Walk. – Ein Betreiber stellt die ausgewählten Bilder in seinem Wohnzimmer aus und spielt dazu seine alten Schallplatten, ein anderer Raum empfängt uns als WhiteCube mit sternförmig angeordneten Leuchtröhren an der Decke und Austritt auf die dahinter liegenden Gleise der deutschen Bahn. Die Plakatwand im öffentlichen Raum hat neben der vier stündigen Theaterinstallation und der Abschlussausstellung eines einjährigen Forschungsprojektes an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design ebenso ihren Platz im Programm des Lindenow Festivals.
Der Spaziergang zwischen den Orten ist genauso wichtig wie die Kunst, die sich präsentiert.
Unterwegs treffen sich immer noch die Nachbarn, vermischt aber mit Gästen von überall, das Programm als Stadtteilplan vor sich hertragend. Die Eindrücke des Viertels bilden in der Wahrnehmung der BetrachterInnen einen Gesamteindruck, in dem das künstlerische Schaffen den zufälligen Erfahrungen und Bildern auf der Suche nach der nächsten Präsentation gegenübergestellt wird. Auf dem Weg dazwischen ist Rekapitulation und Kontemplation möglich.
Performances und Konzerte finden meistens Samstags statt, da am Eröffnungstag (Freitag) in den letzten Jahren immer zur großen Eröffnungsfeier geladen war, auf der sich die MacherInnen des Festivals begegnen können.
Das Festival zeichnet sich auch dadurch aus, dass viele Strukturen nur temporär existieren. So ergibt sich jedes Jahr eine neue Momentaufnahme des Leipziger Westens.
In der Anfangsphase waren wir so wenige, wir mussten uns weit strecken, um uns an den Händen fassen zu können. Nun sind da so viele Leute, dass die Hände nicht mehr ausreichen.“ (ungefähr so hat es T. Bernet einmal beschrieben)
Die nachbarschaftlichen Strukturen, aus denen sich das Netzwerk gegründet hat, haben dazu geführt dass das Netzwerk in gemeinsamen Projekten untereinander kooperiert, sich Kooperationspartner sucht, oder individuelle Arbeitsgemeinschaften entstanden sind. Die nachbarschaftlich verorteten Strukturen haben aber auch dazu geführt, dass sich das Netzwerk mit seinem Ort und seiner Struktur selbst auseinandersetzt. Um dies zu diskutieren hat sich das Netzwerk auf die Suche nach internationalen Kooperationen gemacht, um diese Verortung an einem anderen Ort diskutieren zu können. Daraus sind bislang zwei Auslandsaufenthalte der BetreiberInnen zusammen zustande gekommen. In Salzburg wurde 2010 das ArtCamp eingerichtet und 2011 ging es in die Bretagne, wo die KünstlerInnen und Kulturschaffenden des Netzwerks auf französische KünstlerInnen und KuratorInnen trafen. Unter dem Titel ExSitu befassten sie sich damit, einen Stoff aus seinem ursprünglichen Zusammenhang zu lösen, ihn zu verschieben, eine neue Umwelt wahrzunehmen und zu spüren, neue Territorien zu entdecken, die Verbindung von Orten, Standortverlagerung und die Mobilität einer Personengruppe zu thematisieren.

Die stadtplanerisch motivierte „Aufwertung“ und die politischen Entwicklungen im Leipziger Westen fördern auch immer wieder Reaktionen des Netzwerkes der unabhängigen Kunsträume zu Tage. Zum Beispiel die öffentlich präsentierte Stellungnahme (zum Lindenow#9) zu dem Versuch sich an die bestehende Off Szene anzupassen, in dem an einem Kaufland Einkaufsmarkt unter dem Titel Kunstraum hochwertige Kunst gezeigt werden soll, der Sumpf der marktwirtschaftlichen Interessen aber nicht verlassen wird; oder die 2009 initiierte Bustour („Ich sehe was, was du nicht siehst. – Weil nationale Zentren keine Hirngespinste sind.), die es dank eines Doppelstockbuses und geführten Touren möglich machte über den vier Meter hohen Zaun des gerade gegründeten NPD Büros zu blicken.

Der 2012 gegründete Verein kann die lokalen, kurzfristig existenten und kontinuierlich arbeitenden Akteure und ihre Orte zusammenfassen, vernetzen, für Öffentlichkeit sorgen und versuchen nicht-kommerzielle Standards zu etablieren.
Das klare Formulieren dieser Standards stärkt das Selbstbewusstsein non-kommerziell arbeitender Räume und Gemeinschaften.
Die Ausstellungen oder anderen künstlerischen Projekte, aber auch die Orte, die sich dem Diskurs über das urbane Leben widmen, machen das experimentelle Selbst zum Format, stellen übergreifende Kontexte her, verhandeln Öffentlichkeit und spannen einen niedrigschwelligen Bogen von Produktion zu Rezeption. So werden nicht-kommerziell arbeitende Strukturen zur Schnittstelle, die in die Gesellschaft übergreifende Themen genauso verhandeln können wie das erproben neuer künstlerischer Formate.

Denn es ist JETZT. Und JETZT ist IMMER.