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Stellungnahme des Netzwerkes unabhängiger Kunsträume Leipzig-Lindenau zum
Kunstraum „Lindenau [10]“ in Form von Schaufenstern am Kauflandgebäude am Lindenauer Markt.

Warum wir verloren haben.

Lindenau ist traditionell ein Ort der Kultur: Die ansässigen Theater erzählen von der langen kulturellen Geschichte Lindenaus. Trotzdem war Lindenau in den Augen der meisten LeipzigerInnen in den letzten Jahren eher ein Schandfleck. Nicht so in unseren: Fern städtischer, zuweilen noch ergebnisoffener Vorhaben, schlug hier bereits 2005 der erste Kunstraum am Lindenauer Markt seine Zelte auf und markierte damit den Beginn der Ansiedlung zahlreicher weiterer Räume in den Folgejahren. Mittlerweile hat sich das gründerzeitliche Arbeiterviertel Lindenau im Leipziger Westen vom schmuddeligen und in Vergessenheit geratenen Ortsteil mit dem Status „Problembezirk“ zum Leipziger Aushängeschild in Sachen Stadtteilentwicklung gemausert. Auch wenn sich das Netzwerk unabhängiger Kunsträume Leipzig-Lindenau vor allem in temporären Konstellationen zusammenfindet und – passend zur Entwicklung Leipzigs und insbesondere des Stadtteils Lindenau – immer wieder neu formiert, hat es sich mittlerweile einen festen Platz im kulturellen Leben der Stadt erarbeitet.

Auch in Hinsicht auf den im Vorfeld sehr umstrittenen Bau des Kauflandmarktes am Lindenauer Markt hat sich das Netzwerk unabhängiger Kunsträume Leipzig Lindenau engagiert: Mit einem offenen Brief an die Verantwortlichen hat es versucht, den Bau abzuwenden – und mit kritischen Kunstaktionen vor Ort Gegenpositionen zum Shopping-Center aufgezeigt (2009). Doch konnte sich die seit zehn Jahren geplante Ansiedlung des Marktes nicht (mehr) verhindern lassen. Die Wieder-Neu-Entwicklung des Stadtteils schreitet voran.

Unter dem Titel „TRANSFORMATION“ entwarf 2005 das Architekturbüro Weiss & Volkmann „leuchtende Glaskästen in historischer Struktur“ (Zitat: Weiss & Volkmann, Präsentation des Fassadengestaltungsentwurfs Handelscenter Lindenauer Markt). Die Stadt Leipzig machte eine besondere Gestaltung der Fassade, die sich auf die historischen Häuser am Lindenauer Markt bezieht undgleichzeitig einen Ort schafft, der die Entwicklung des kulturell schon immer aktiven Viertels einbezieht zur Bedingung.
Die Umsetzung sollte über den „Lindenauer Stadtteilverein e.V“ verwirklicht werden. Ein Kuratorium aus Stadtentwicklern, professionellen Kunstvermittlern und ortsansässigen Kulturschaffenden entwickelten 2012 mit einem Budget von 7000Euro das Konzept des „Kunstraum [10].lindenau“.
Auch das Netzwerk unabhängiger Kunsträume Leipzig-Lindenau wurde in dieser Phase in den Gestaltungsprozess einbezogen.
Unsicher über diese plötzliche Umarmung und den programmatischen Bezug auf eine bestehende Kunstraumstruktur, befanden wir uns in einem Interessenkonflikt.
Es schien nicht möglich sich der Begleitung eines kreativen Projekts im Stadtviertel zu entziehen, zumal dies den Mittelpunkt einer öffentlichen, gemeinsamen und kritischen Positionierung des Netzwerkes beinhaltete.
Anderseits sahen wir uns damit in eine Rolle gedrängt. Unter dem Deckmantel einer stadtplanerisch motivierten „Aufwertung“ sollte scheinbar die Beliebigkeit der, sich dahinter der verbergenden, Konsumindustrie und ihre Bedeutung, im Sinne einer bewusst beeinflussten sozioökonomischen Stadtentwicklung, unterstützt werden.
Zur Vermeidung dieser Instrumentalisierung und Institutionalisierung entschlossen wir uns gegen eine kuratorische Teilnahme.

Es folgte eine öffentliche Ausschreibung des Kuratoriums. Gewünscht war „ein Konzept, dass die zehn Schaukästen des Kunstraums als Gesamtprojekt gestaltet.“
Und weiter: „Um den Zuschlag zu bekommen, muss das Projekt aber auf eine hervorragende Art und Weise folgende Kriterien berücksichtigen:
der Standort in seinem räumlichen, architektonischen und sozialen Kontext
Reflexion des Prozesses, der zum Bau des Kauflandmarktes und der Schaukästen geführt hat
[…]“ (Zitat: Ausschreibung, Kunst im öffentlichen Raum am Lindenauer Markt, www.leipziger-westen.de)
Gemäß des Verständnis eines offenen und unabhängigen Arbeitsansatzes beteiligten wir uns mit einem gemeinsamen Vorschlag an der Ausschreibung.
Realisiert wurde schließlich eine temporäre soziale Installation, die den Ansprüchen der Initiatoren zumindest teilweise gerecht wurde, ohne dabei den sensiblen Gesamtkontext zu reflektieren.
Das aktuelle Bild der Situation des „Kunstraum [10].lindenau“ bestätigt nun die Unvereinbarkeit der Aktion mit unserem Verständnis eines Kunstraums als Plattform des unabhängigen künstlerischen Diskurs.
Die Möglichkeit der Präsentation kultureller Institutionen am Lindenauer Markt ist dabei keinesfalls Hauptgegenstand der Kritik.
Vielmehr geht es um die Forderung der Einhaltung der Idee „Gesamtkonzept“.
Wo ist die künstlerische Haltung? Wo das bewusste Umgehen mit der Entwicklung? Wo der Bezug zum Ort? Wo der Einbezug der Öffentlichkeit? Wo ist das Kuratorium? Und bei wem liegt die finanzielle Verpflichtung eines Kunstraums im öffentlichen Raum?
Dass diese Verwirklichung der gestellten Ansprüche, vor allem längerfristig betrachtet, arbeitsintensiv und schwierig an einem Kaufhaus umzusetzen sein würde, war abzusehen. Muss die Aktion Kunstraum [10].lindenau“ damit als propagandistische Maßnahme verstanden werden?

Verloren haben wir mit dem Ansinnen, die so umgesetzte bauliche Institutionalisierung des Kaufland Marktes zu verhindern. Verloren haben wir mit unserem Standpunkt kritische Kunst zu präsentieren und verloren haben wir das Vertrauen darin, dass dies jemals die Intention war.

Wir wollen Jasmin!
Das Netzwerk der unabhängigen Kunsträume Leipzig-Lindenau

AundV verkleidet als Kaufland 2009 Foto: Evelyn Jahns
AundV verkleidet als Kaufland 2009
Foto: Evelyn Jahns
kaufland ortloff
Ortloff verkleidet als Kaufland 2009
Foto: Tilman Grundig